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PORTRAITS
Dresdens bekannteste Kuppel als Lustobjekt
Kaum hat er Meissner Porzellan per Pinselstrich neu erfunden, schon schaut Comic-Zeichner Lutz Anke der Geschichte unter den Rock – genauer gesagt hinein in die bewegte Historie des bekanntesten Dresdner Wahrzeichens: „George Bähr und die Erfindung der Frauenkirche“ heißt der zweite Band seiner Sachsen-Trilogie, die der Architekt seit 2006 in seiner Freizeit entwirft. Mit lustvoll-historischen Anspielungen entstaubt er zeichnend einmal mehr festgefahrene Geschichts-Klischees.
„Die Frauenkirche sieht ja eigentlich so aus wie ein weiblicher Rock“, sagt Anke. Was die Gemüter bereits beim ersten Band polarisierte: Seine feinen Zeichnungen wirken äußerst abstrakt und nicht immer jugendfrei. „Eine Schule im Erzgebirge hatte vom ersten Band einen Klassensatz für die Geschichtsstunde bestellt. Der kam aber ohne Begründung wieder zurück“, so Anke. Von Gleichgültigkeit kann also keine Rede sein. Immerhin wurden bislang 700 Stück des ersten Bandes, „J.F. Böttger & die Erfindung des Porzellans“, verkauft.Ankes zweite Barock-Parodie ist wieder rein fiktiv: August der Starke, von noch stärkeren Depressionen gebeutelt, hat einfach keine Lust mehr. Seine Mätressen werden so langsam unruhig und versuchen, ihn mit verschiedenen Mitteln herumzukriegen. Schließlich beschließt August ein Denkmal für eine seiner besten Geliebten erbauen zu lassen. George Bähr wird dabei zum Erbauer „ernannt“, das heißt, seine Gedanken sind zwar in Stein umgesetzt aber von jemand anderem gebaut. Denn im Mittelpunkt der Geschichte steht nicht wie erwartet die Ikone George Bähr, sondern ein gescheiterter und dem Alkohol verfallener Freiberger
Architekt namens Johann Gottlieb Ohndorff, dem diesmal aber das Schicksal in die Hände spielt. „Bähr tritt nur als etwas verwirrte Randfigur auf.“„Erst jetzt merke ich, dass die Comic-
Trilogie eine Biografie von Böttcher wird“, sagt Anke. „Böttcher war ja relativ nah dran an den wirklichen Geschehnissen der Barockzeit. Diesmal hat es genauso lange gedauert wie beim
ersten Mal, aber ich habe länger an der Story gefeilt“, so Anke, der beim Zeichnen gerne auf facettenreiche Indierock-Klänge der Dresdner Band Art of Rebellion zurückgreift. Vielleicht liegt es ein wenig daran, dass man Ankes Comics auf ganz verschiedene Art und Weise deuten kann. Dass der Bau der Frauenkirche stark in Verbindung mit architektonischen
Spielereien steht, kommt nicht von ungefähr. Lutz Anke ist selbst Architekt und entwirft auch hauptberuflich. Geboren 1968 in Chemnitz, kam er nach der Wende nach Dresden.
Nach dem Architekturstudium in Berlin ist er zurück. Seither ist er hier mit dem Bau von Pfarrhäusern, Spaßbädern, Polizeistationen und Kunsthochschulen beschäftigt. Die Idee zur
sächsischen Comicreihe entstand, als er nach der Jahrtausendwende als Architekt an der Wiedererrichtung eines Federbettes Augusts des Starken im Schloss Moritzburg, dem sogenannten Federzimmer, beteiligt war. Die Epoche des Barock ließ ihn seitdem nicht wieder los. Er selbst wohnt allerdings in einer 20er-Jahre-Siedlung in Laubegast, „also nichts wirklich Besonderes“, wie er sagt.
Lutz Anke scheint mit seiner Kunst vielleicht nicht sofort den Massengeschmack zu treffen – die Gunst der prominenten Dresdner Künstlerschaft hat er aber sicher: Nach Olaf Schubert
hat ihm jetzt die Sängerin Annamateur ein Geleitwort spendiert. „Lutz Anke, für mich der Perspektiven-König schlechthin, hat all dies meisterhaft in seinen Bilderwelten aufgezeichnetund liefert uns schräge Beiträge aus den Schattenfalten der sächsischen
Historie und von anderswo“, schreibt sie im Vorwort. Inzwischen arbeitet Lutz Anke bereits am dritten Band. Da soll sich alles um den Dresdner Ingenieur Andreas Schubert drehen, der die erste funktionstüchtige Dampflokomotive namens „Saxonia“ 1839 von Dresdner nach Leipzig brachte. „Eigentlich hatte ich die Geschichte schon komplett anders fertig“, so Anke. Graf Brühl und sein profitorientierter Soldatenhandel mit Preußen stand zunächst im Fokus. „Aber dieses Mal soll ein ganz vernünftiger Mensch die Sache in Gang setzen“, sagt er.
„George Bähr und die Erfindung der Frauenkirche“, 52 Seiten,
Preis 14 Euro, ISBN 978-3-940418-41-8
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