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INTERVIEWS

Die Fantastischen Vier „Platten verkaufen ist ein Knochenjob“

„Die Megastars des deutschen Rap“, titelt 1996 ein bandbiografisches Buch über Die Fantastischen Vier. Über zehn Jahre nach dieser Aussage muss dies wohl auch der letzte Skeptiker bedingungslos anerkennen. Smudo, Thomas D, Michi Beck und And.Ypsilon haben sich ihren Ehrenplatz in den Büchern schillernd deutscher Musikgeschichte heute mehr als verdient.
Wahlberliner Michi Beck über künstlerische Reife, Bushido und Gasgrills.

 

Die letzte Tour liegt über ein halbes Jahr zurück. Gibt’s schon musikalische Entzugserscheinungen?


Gute Frage (überlegt). Gerade im Sommer kommen ja wieder viele Konzerte. Das wird wie eine kleine Sommertour. Auch in den letzten Wochen haben wir hin und wieder ein schönes Konzert gegeben, waren also nicht ganz unaktiv. Insofern muss ich die Frage nach dem musikalischen Entzug verneinen.

Kürzlich ist eine DVD zu besagter Tour erschienen. Was habt ihr alles draufgepackt?

Wir haben die beiden Abschlusskonzerte in Stuttgart auf die Scheibe gepresst. Die waren wirklich wunderschön. Dann findet sich auf der DVD noch ein kleiner Film zur Tour, den hauptsächlich Thomas gedreht hat. Es ist eigentlich von jedem Tag dieser Zeit etwas auf der DVD zu finden. So kann man mal hinter die Kulissen blicken. Man sieht, wie wir am Anfang eher aufgeregt sind oder mittendrin dann auch mal die Stimmung kippt. Normalerweise erlebt man dieses ganze Musikgeschäft ja immer nur von einer Seite. Hier sieht man auch mal eine andere.
   
Gibt’s etwas, was Dir von der Tour in besonderer Erinnerung geblieben ist?


Eine schwere Frage, denn so eine Tour ist natürlich voller großer und auch schwieriger Momente. Aber die ganze Zeit lief sehr harmonisch zwischen uns und auch den Musikern ab. Das ist mir als positiv in Erinnerung geblieben. Gerade wenn man länger als sechs Wochen zusammen im Bus unterwegs ist, kann so eine Tour schon mal sehr anstrengend werden. Da geht man sich echt auf den Nerv, weil die Intimsphäre fehlt.

Jedes Album besitzt ja immer etwas Besonderes. Was ist das Eigene eurer letzten Scheibe „Fornika“ aus heutiger Sicht?


Ich würde sagen, Fornika hört man am meisten unsere musikalische Erfahrung und Entwicklung der letzten Jahre an. Auf Fornika wird viel gesungen und wir haben mit mehr echten Instrumenten gearbeitet. Für mich ist es das spielerischste, musikalischste und vielleicht auch reifste Album unserer Geschichte. Vielleicht auch unser musikalisch freiestes. In der Vergangenheit haben wir uns immer wieder mit der künstlerischen Identitätsfrage beschäftigt: „Machen wir jetzt HipHop? Wie wollen wir klingen? In welche Ecke gehören wir?“ Mit solchen Fragen beschäftigen wir uns nicht mehr. Wir machen einfach das, was unserem musikalischen Kosmos entspricht. Und den repräsentiert Fornika ganz gut, wie ich finde.

2008 habt ihr wieder einen Echo gewonnen. Was bedeuten euch solche Preise nach so vielen erfolgreichen Jahren noch?


Kommt natürlich auf den Preis an. Aber es ist immer schön, Anerkennung ausgesprochen zu bekommen. Und als beste Rock/Popgruppe national 2008 ausgezeichnet zu werden, das hat uns schon sehr viel bedeutet.

Ihr werdet immer noch zum Genre HipHop gezählt. Was denkst Du über die Entwicklung in diesem Bereich?


Man muss da immer sehr genau unterscheiden. Natürlich gibt es eine Form von HipHop, die heute bei den jungen Menschen sehr gut ankommt. Und die findet dementsprechend eben auch groß in den Medien statt. Daneben gibt es aber immer noch eine große Anzahl von Menschen, die HipHop auf andere Art und Weise leben. Selbst Sido, der ja auch gern im aktuellen Kontext genannt wird, geht die Sache in meinen Augen wesentlich geschickter und anders als Bushido an. Wir sind allerdings schon froh, dass wir HipHop ein paar Jahre früher erleben durften und in Zeiten groß wurden, als die Dinge noch etwas anders waren.

Wie denkst Du heute über das von euch 1996 gegründete und später verkaufte Label Four Music?


Wir haben alles richtig gemacht. Vielleicht hätten wir etwas eher verkaufen sollen (lacht). Heute würde ich jedenfalls kein Label mehr betreiben wollen. Platten verkaufen ist ein Knochenjob geworden und auf einem Niveau angekommen, wo es wirtschaftlich ein wirklich schweres Geschäft ist. Allerdings widerspreche ich der These, dass dieser Umstand der Musik schadet. Kunst, Kreativität und musikalischen Pioniergeist wird es immer geben – und das fernab von jeglichen Verkaufszahlen.

Was treibt euch nach rund 20 Jahren immer noch in den Proberaum?


Musik ist einfach das, was wir machen wollen. Ich wüsste auch gar nicht, was ich sonst machen würde (lacht). Jetzt gerade sitze ich auch wieder im Studio mit DJ Thomilla und wir arbeiten zusammen an neuen Turntablerocker-Projekten.

Wie geht’s in nächster Zeit bei den Fantas musikalisch weiter?


Wir beginnen jetzt schon wieder Ideen für das nächste Album zu sammeln. Gegen Ende des Jahres wollen wir dann ins Studio gehen, um zusammen mit der Band erste Sachen zu probieren. Ich denke auch, dass wir den auf Fornika eingeschlagenen Weg weitergehen und -entwickeln werden.

Ihr seid alle um die 40 Jahre alt. Ist irgendwann auch Schluss mit Musik?


Eigentlich dachte ich früher immer, dass schon mit 30 Schluss ist. Deswegen bin ich vorsichtig mit solchen Aussagen geworden.

Aber Du bist noch entfernt von Reihenhaus und Gasgrill?


Einen Gasgrill habe ich schon, der ist obergeil (lacht). Das war die beste Anschaffung der letzten zwei Jahre. Allerdings weiß ich nicht, wie meine Frau die Sache bewertet. Die bemängelt ein bisschen meine einseitige Kost im Sommer.

Michi, dann einen schönen Sommer auf der Bühne und hinter dem Grill.

www.diefantastischenvier.de

Text & Gespräch: Friedemann Schreiter

 

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