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INTERVIEWS

FacetoFace mit KELIS

Sich auf ein Interview mit Kelis Rogers vorzubereiten, ist nicht die einfachste aller Aufgaben. Denn erst wenn man sich für eine Weile in Recherchen über ihre Arbeit verloren und sämtliches unnütze Wissen über die Person und Künstlerin angehäuft hat, erkennt man, dass man sich ihr eigentlich nur subjektiv nähern kann.
Und plötzlich ist man bei der Feministin mit Löwenmähne, leicht burschikos in den Anfängen, offensiv ohne aggressiv zu sein, auffällig unprätentiös im Vergleich zu anderen zartleibigen Elfen der Musiksenderlandschaft. Der Typ Wenn-du-das-Autodeines- Exfreundes-zerschrotten-willst-bin-ich-dabei- Freundin eben. Aber dann doch auf ihre eigene Weise zerbrechlich und in Songs wie „Mafi a“ sogar unterwürfig einem Mann verfallen.
Spannende Mischung eigentlich und in keinster Weise widersprüchlich. Da passt es auch gut ins Bild, dass die 27-Jährige aus Harlem zum Interview im Hamburger Freihafen - Kelis ist in Deutschland, um im Rahmen der Konzertveranstaltung „Nokia Trends“ ihr mittlerweile viertes Album „Kelis Was Here“ vorzustellen - unfassbar makellos gestylet und mit perfekt geglossten Lippen erscheint, sich aber nach der ersten Frage erst mal zwei oberfettige Würstchen mit Senf bestellt..

Erstmal Gratulation zu deinem neuen Album. Warum hast du es „Kelis WAS Here“ genannt?

Auf jeden Fall. Keiner von uns hätte gedacht, dass wir soviel verkaufen. Wir sind sehr zufrieden. Hätten wir ?Berliner Schnauze? eine Woche vorher released, wären wir wahrscheinlich Top 10 mit meinem Album gegangen. Ich gehöre jetzt zu den Top 5 der deutschen rapper. Zufriedener kann man nicht sein.

Im Video zu deiner ersten Single „Bossy“ vom neuen Album präsentierst du dich als eine Art weiblicher Pimp, mit den Ketten und den Grillz ähnelst du eher einer Rapperin. Gibt es einen konkreten Grund für diese Style-Veränderung?

Im Vergleich mit etwa „Caught Out There“ ist da schon ein großer Unterschied. Ich denke, dass das ein ganz natürlicher Entwicklungsprozess ist. Alles verändert sich. Das Leben hat mich verändert und damit auch mein Auftreten. Außerdem hat mein veränderter Stil auch viel mit meinem Selbstbewusstsein als Frau zu tun. Das ist über die Jahre durch meine Arbeit und mein Privatleben definitiv größer geworden.

Dein neues Album beinhaltet keine einzige Neptunes-Produktion. Das wird viele verwundern, immerhin hat sich eure Zusammenarbeit als durchaus erfolgreich erwiesen. Warum hast du dich komplett von ihren Produktionen distanziert? Und hast du etwas mitnehmen können aus der Zeit?

Auch in dieser Hinsicht war es in meinen Augen Zeit für Veränderung. Ich meine, wie viele Alben, dachten die Leute, würde ich noch machen mit den Jungs? Ich muss mich einfach weiterentwickeln. Und das bedeutet, auch andere Einfl üsse auf mich wirken zu lassen. Aber die Zeit mit den Neptunes war natürlich wichtig für mich, ich habe da sehr viele positive Erfahrungen gesammelt.

Du hast mehrmals klargemacht, dass du als Künstlerin nicht einer bestimmten Kategorie zugeschrieben werden möchtest. Auf „Aww Shit“ sagst du auch: „I‘m a hip-hop-rock-popstar“...

Ja, schon. Aber letzten Endes ist es mir auch egal, in welche Schublade sie mich stecken. Denn egal was sie sagen, das verändert nicht die Musik als solche. Und deswegen gebe ich nichts auf die Zuordnung anderer. Von mir aus können sie es „County“ nennen - die Songs blieben, was sie sind.

Auf einem anderen Song von deinem neuen Album sagst du: „I‘m not a rapper but I still spit a few bars.“ Hast du wirklich keine Ambitionen dich längerfristig auch im Rap zu versuchen? Welche Rapper magst du selbst? Abgesehen von deinem Ehemann...

Nein, überhaupt nicht (lacht). Ich nutze es nur als eine weitere Möglichkeit mich auszudrücken. Manchmal singe ich die Worte in meinen Songs. Und manchmal spreche ich sie eben nur. Ich bin ein großer Scarface-Fan. Und ich liebe Biggie und Pac. Hmmm, wen noch? Keinen von den neuen zumindest.

Nehmen wir mal an, du würdest gerne eine Kollabo mit einem Künstler machen, auf den dein Mann nicht gut zu sprechen ist. Würdest du aus Loyalität diese Zusammenarbeit unterlassen oder es trotzdem machen? Inwieweit könntest du dich in deiner Arbeit durch diese Form der Rücksichtnahme eingeschränkt fühlen?

Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, ich könnte mich schon eingeschränkt fühlen. Aber ich mag ja sowieso keine anderen Rapper (lacht). Bei denen, mit denen ich bisher gearbeitet habe, hat er jedenfalls Verständnis gehabt und mich unterstützt. Aber den Aspekt der Loyalität kann ich gut nachvollziehen.





Bist du der Meinung, die Zusammenarbeit zweier Künstler sollte in erster Linie auf dem gegenseitigen Respekt vor der Arbeit des Anderen gründen und nicht auf finanziellen Anreizen?

Nein, das denke ich nicht. Wenn jemand dir eine Leistung bietet, dann sollte er dafür honoriert werden, egal ob es ein Klempner, ein Rapper, ein Sänger oder... Picasso ist (lacht). In meinen Augen ist das sogar einer der wenigen positiven Aspekte des Geschäfts.

Hattest du Sorge, als Nas‘ Ehefrau auch Zielscheibe von Disstracks anderer Rapper zu werden

Oh, das war ja schon der Fall. Aber das ist mir sowas von egal. Wenn ein Rapper sich so bedroht fühlt, dass er mich mit ins Spiel bringen muss... please!

Was ich an deiner Musik so mag, ist die Verbindung von Aufmüpfigkeit und Rebellion mit einer extremen Verletzlichkeit. Du behältst immer ein Gleichgewicht zwischen Stärke und Schwäche bei, zeigst einerseits deine tiefsten Unsicherheiten, aber schaffst es andererseits immer noch, für Unabhängigkeit und weibliches Selbstbewusstsein zu stehen. Ein gutes Beispiel dafür ist für mich die Textzeile „I hate you so much, right now!“ Du drückst deine Wut in extremer Weise aus, um dann mit einem relativierenden „right now“ zumindest in Erwägung zu ziehen, dass sich deine Meinung schnell wieder ändern könnte.

Mich freut, dass du das erkannt hast. Denn das ist das Allerwichtigste an dem Song. Die Leute regen sich auf über das „I hate you“ und übersehen eben genau diesen Punkt. Ich denke, Frauen sind ein lebender Widerspruch. Menschen generell. Man ist niemals nur diese eine Person. Wir sind glücklich und depressiv, ängstlich und stark. Diese natürlichen Züge des Menschen möchte ich in meine Musik einfl ießen lassen. Denn das bin ich.

Und wurdest du schon von weiblichen Fans dafür kritisiert, dass du seit einiger Zeit mehr Haut zeigst und zunehmend auch männliche Fantasien bedienst?

Ach, die Leute haben immer irgendetwas zu bemängeln. Aber schließlich muss ich mich in erster Linie selbst mögen. Man muss abwägen, was einem das Wichtigste ist - und mir ist eben wichtiger, mich zu verwirklichen, als es jedem Recht zu machen.

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