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Mehr Opernhaus als Rockschuppen Archive machen in epischer Breite

Wer über Archive zu reden beginnt, dem kommen schnell die nüchternen Worte abhanden. Kaum eine andere Band schafft es so mühelos, sich über Genre-Schubladen hinwegzusetzen und mal eben nebenbei neue zu definieren. Archive erschaffen so ein musikalisches Universum, das seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Auch ihr sechstes Studioalbum „Controlling Crowds“ pulsiert in der Spannung zwischen Hell und Dunkel, Melodie und Geräusch. Archive verwandeln Emotionalität in Töne. In Epen, die sich innerhalb eines Liedes von Trauer zu Hass hochschaukeln.

Eine ganze Musikarmada, die neben Archive aus einem Orchester und einem Chor besteht, wird in Marsch gesetzt, um den immer kleiner werdenden Menschen am Ende unter Klangwänden begraben. Doch nicht nur das. Die aktuelle Archive-Besetzung enthält auch ein personelles Überraschungsmoment. Nach über zehn Jahren hat sich das ursprüngliche Gründungsmitglied Rosko John wieder zur Band gesellt, seines Zeichens ein überzeugender Rapper, der perfekt die Verbindung zwischen dem elektronischen Rockgefühl und den HipHop-Beats zieht. Alles etwas erklärungsbedürftig? Unbedingt. Das Tee-Trio erweitern die beiden Bandköpfe Darius Keeler, Danny Griffiths sowie Pollard Berrier um eine weitere Tasse für Franz X.A. Zipperer zum Quartett.


archive

Franz X.A. Zipperer (fxaz): Das neue Album „Controlling Crowds“ klingt fast mehr nach Opernhaus als nach Rockschuppen.

Danny Griffiths (dag): Schließlich haben wir ja auch ein 28-köpfiges Orchester und einen 32-Personen-Chor zum Einsatz gebracht. Wäre ja dämlich, das würde man nicht hören. Wir haben letztes Jahr ein Live-Konzert mit einem großen Orchester gegeben. Danach waren wir infiziert, ...

Darius Keeler (dak): ... und es ist verdammt langweilig, immer das Gleiche zu machen. Wer sich nicht selbst fordert, der verliert an Kreativität. Und dafür stehen wir nicht zur Verfügung. Das zeigen auch alle Alben, die wir bisher vorgelegt haben.

fxaz: So unerklärlich ist die klassische Opulenz der aktuellen Archive nicht. Trompete und Waldhorn bereiteten dir bereits früh den musikalischen Weg. Der führt in klassische Orchester, wo du zum ersten Mal Arrangements für Blechblas- und Streichinstrumenten kennen lernst. Also bist du prima trainiert in diesen Dingen?

dak: Oh ja, da war ich allerdings sehr, sehr jung. Neun oder zehn Jahre alt muss ich damals gewesen sein. Aber solche Erfahrungen brennen sich natürlich ins Gehirn. Aber Arrangementtechnisch stand ich nicht allein. Pollard Berrier hatte ebenfalls großen
Anteil daran, ...

fxaz: ... bringst du auch solcher Art Vorerfahrungen mit?

Pollard Berrier (pober): Ich habe Komposition studiert.

fxaz: Wer sich dieses Riesenwerk anhört, dem drängt sich sofort die Frage auf, ob ein solches Konstrukt überhaupt tourfähig ist?

dag: Wir werden sicherlich Einzelkonzerte mit dem Orchester, dem Chor und der Band geben. Aber es ist unmöglich, das Ganze auf eine umfassende Tour zu schicken. Schon allein vom finanziellen Aspekt her gesehen.

fxaz: Wie aber löst ihr den selbst formulierten Anspruch der Größe ein, wenn ihr den Chor und das Orchester zu Hause lasst?

pober: Technisch ist das heute mit den Sample-Möglichkeiten ja kein Problem. Aber richtig ist, diese Einspielungen sind lediglich voraufgenommene Emotionen, die beim Einspielen auf der Bühne gegenüber einem echtem Chor und Orchester nur verlieren können. Diese spezielle Seele ist nicht durch eine Maschine reproduzierbar. So bleibt es den reduzierten Musikern auf der Bühne überlassen, ihre Gefühle ins Konzert zu schießen, sie durch und mit ihren Instrumenten neu zu interpretieren Die Darstellung der Emotionen, wie Liebe oder auch Hass wird ohne Chor und Orchester nicht unmöglich. Aber sie ist anders. Und doch voller Dynamik und anderer Seele. Dabei ist nicht zu übersehen, welche Rolle die Stimme des zurückgekehrten Rosko John
dabei spielt.

fxaz: Da wird der Bandname Archive zum Programm. Jeder muss zeigen, was er in seinem persönlichen musikalischen Archiv gesammelt hat und dies mit seiner ganzen Kraft live zum Ausdruck bringen?

dak: Das kann man so sehen. Es ist schon eine besondere musikalische Sprache, die verlangt wird,wenn wir ohne Chor und Orchester auftreten. Aber im Sprechen dieser Sprache sind wir durch unsere langjährige Erfahrung geübt. An emotionaler Kraft hat es unseren Auftritten nie gemangelt und wird es auch bei den kommenden Liveauftritten nicht.

Live verbinden Archive ihre relaxten aber kraftvolle Grooves und ihre komplexen und atmosphärischen Songstrukturen zu grandiosen klug inszenierten Weiten. Und die Fähigkeit gnadenlos zu rocken ist Archive über die Jahre ja nie abhanden gekommen.  Und wie lautet die Parole? Hingehen! Denn bei allen Vorbehalten gegenüber Massen, die kontrolliert durch eine Macht geführt werden, lässt man sich von Archive gern mal in eine andere Welt leiten.
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