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Culcha Candela - Wir sind die bunte Realität

In “Schöne neue Welt”, dem legendären Roman von Aldous Huxley, geht es um eine manipulierte und gehirngewaschene Gesellschaft, die ihre Fähigkeit zum kritischen Denken und zum Hinterfragen der Weltordnung verloren hat. Habt ihr euch konkret von diesem Buch inspirieren lassen?
Itchyban: Jein. Unser Album nimmt jetzt keinen direkten Bezug auf das Buch oder den Film oder was immer unsere lieben Hörer von Huxley kennen. Gerade gibt es in Berlin ja auch ein ganz großartiges Theaterstück darüber. Aber auch, wenn es keinen direkten Zusammenhang gibt, so ist unser Song doch im Spirit dieses Buches entstanden. Das Album dann ebenfalls “Schöne neue Welt” zu nennen, das hat sich förmlich aufgedrängt.
Was heißt “Im Spirit des Buches entstanden”?
Itchyban:Wir karikieren und überzeichnen in unserem Song eine Welt, die sich immer rasanter
in Richtung eines Abgrundes entwickelt. Mit viel Ironie und Sarkasmus wollten wir diese Welt und ihre Protagonisten bloßstellen. Diesmal sprechen wir die Sachen eben nicht direkt und oberlehrerhart an. Vielmehr haben wir ein leuchtendes Bild gemalt, dass so grell ist, dass die meisten Menschen es ohne weiteres verstehen können.
Ihr singt “Die Welt geht unter/ Aber bei uns ist Halli Galli”. Ist es die Devise von Culcha Candela, der Welt beim Zusammenbrechen zuzuschauen und trotzdem weiter Spaß dabei zu haben?
Itchyban: Natürlich ist das nicht unser Motto. Genau das wollen wir doch überzeichnen. Diese Welt erlebt gerade eine unglaubliche Krise. Wahrscheinlich ahnen die meisten Menschen noch gar nicht, was uns das noch in den nächsten Jahren kosten wird. Trotzdem wird so weitergemacht, als wäre nichts gewesen. Man schlägt die Zeitung auf und liest, dass die Banken schon wieder Milliardengewinne einfahren, während sie sich vor wenigen Monaten
noch Milliarden vom Staat erbettelt haben, um nicht bankrott zu gehen. Das System stinkt zum Himmel. Und das wollen wir gerne in diesem Song verdeutlichen.
Ist “Schöne neue Welt” euer politischtes Lied?
Itchyban: Nein, es ist aber unser aufdringlichstes politisches Lied, weil der Text komplett auf deutsch ist. Auf allen unseren vorherigen vier Alben gab es schon politische Songs, bloß sind die in einem Sprachenwirwarr verfasst, weshalb man ihnen nicht so leicht folgen kann.
Also lassen sich Party und Politik prima miteinander verbinden?
Itchyban: Das ist seit Gründung dieser Band das Motto. Wir wollen sinnvolle Texte und Botschaften unter die Leute bringen, wir wollen ihnen aber gerne auch die Luft zum Atmen lassen, damit sie tanzen und Spaß haben kommen. Man geht auf ein Konzert ja schließlich, um auszuflippen und nicht, um zu weinen.
Allerdings wird der Partyaspekt von Culcha Candela bislang stärker wahrgenommen als die nachdenkliche Seite.
Itchyban: Ja, das liegt in erster Linie daran, dass wir mit einem Partytrack unseren größten Hit gefeiert haben. “Hamma!” war mit Abstand unser größter Erfolg, und “Hamma!” hat in der Tat jetzt keinen besonders sozialpolitischen Ansatz. Es gibt aber in der Tat sehr viel mehr in dieser Band als nur diesen einen Song. Man muss sich einfach die Mühe machen, unsere Alben in Ruhe anzuhören.
“Hamma!” war Nummer Eins. Muss man einen solchen Hit erst mal verdauen?
Itchyban: Klar muss man das verdauen. Aber ich kann dir sagen: Schmeckt gut.
Also habt ihr auf “Schöne neue Welt” nicht versucht, den “Hamma!”-Erfolg zu wiederholen?
Itchyban: Nein, das wäre auch gar nicht gegangen. Denn als wir damals “Hamma!” schrieben, ging es uns nicht darum, mit der Nummer Erfolg zu haben. Da haben wir gar nicht dran gedacht. Der Song war ursprünglich nur für ein Mixtape gedacht und frei von jeglichem Anspruch, Formate zu erfüllen oder uns zum Durchbruch zu verhelfen. Erst im Laufe der
Monate, als wir merkten, dass der Song bei unseren Konzerten tierisch gut ankam, haben wir ihn gezielt als Flaggschiff und Single in Position gebracht. Zum Glück macht es uns immer noch großen Spaß, “Hamma!“ live zu präsentieren.
“Monsta” erinnert freilich nicht nur semantisch an den großen Hit. “Somma” ebenfalls.
Itchyban: Okay, das ist der einzige Punkt, an dem wir vielleicht versuchen, dem Erfolg von “Hamma!” hinterherzueifern.
Worum geht es in “Monsta”?
Itchyban: Das Stück wandelt in der Tat auch textlich auf den Spuren von “Hamma!”. Nur etwas reifer. Es geht nicht darum, was für eine geile Frau da steht, und was man alles mit der anstellen will. Sondern es geht um die Erkenntnis, dass die Frau viel zu krass ist und in einer ganz anderen Liga spielt als wir.
Auf eurer neuen Platte probiert ihr stilistisch aber auch viel aus, es gibt auch Balladen, Rock oder funkige Disconummern.
Itchyban: Ja, aber auch diese Vielseitigkeit ist immer schon ein Credo von Culcha Candela. Wir haben keine Angst vor Genregrenzen. Unsere Hauptrichtungen sind nach wie vor HipHop, Reggae und Salsa, aber wir sind angetreten, um Musikstile und Nationalitäten miteinander zu einem harmonischen Ganzen zu vereinen.
Seid ihr Freunde oder Geschäftspartner?
Itchyban: Wir sind Arbeitskollegen mit einem ausgezeichneten Betriebsklima. Die Idee, dass man zu siebt ständig Freunde sein kann, während man rund um die Uhr miteinander unterwegs sind, die beantwortet sich ja quasi von selbst. Wir sind glücklich, wenn wir uns sehen, wir sind aber auch glücklich, wenn wir uns mal nicht sehen. Jeder Moment, an
dem man mal seine Ruhe hat und bei der Familie sein kann, ist sehr willkommen.
Kommen eure Frauen und Kinder mit auf Tournee?
Itchyban:Diese Welten werden getrennt. Wenn wir auf Tour sind, dann sind wir bei der Arbeit.
Wobei es nicht wie Arbeit wirkt, wenn ihr zusammen auf der Bühne steht.
Itchyban: Das ist ein Kompliment, das ich mir sehr gerne ans Revers hefte.
Wer kommt zu euren Konzerten?
Itchyban: Wir haben inzwischen sehr, sehr junge Zuhörer. Aber auch sehr alte. Die Dreadlockträger stehen neben Leuten, die sich vier Stunden lang aufgebrezelt haben. Unser Publikum ist sehr bunt.
Ist eure Musik ähnlich typisch für Berlin wie etwa die der Kollegen von Seeed?
Itchyban: Ich würde es so formulieren: Unsere Band hat den Anspruch, eine neue Generation von Deutschen zu repräsentieren. Wir sind halt bunt in den verschiedensten Farben. Das ist die Realität in Deutschland, und es ist insbesondere die Realität in Berlin, wo sich die unterschiedlichsten Kulturen treffen und in aller Regel auch friedlich miteinander leben. Diesen Vibe versuchen wir in das ganze Land zu tragen.
Sagt man noch “Multikulti”?
Itchyban: Angela Merkel hat “multikulti” ja zum Unwort erklärt. Seither benutze ich es wieder gern und häufig.
Steffen Rüth
Culcha Candela: Culcha Candela
“Wir sind die bunte Realität”
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