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Kilians: „Meine Großeltern finden unsere Musik schön“

Simon, euer aktuelles Album beginnt mit dem Song „Hometown“. Du singst „Ich bin so stolz auf meine Heimatstadt“. Wie schön ist Dinslaken?
Simon: Es gibt eine Einkaufsstraße, Schulen, einen Marktplatz, Feuerwehr, Polizei, ein Krankenhaus und sogar einen Kreisverkehr. Man sagt glaube ich: Mittelgroße Kleinstadt. Es heißt ja immer, wir kommen aus der tiefsten Provinz. Aber so sehe ich das nicht. Ich bin gerne hier aufgewachsen.
Seid ihr inzwischen die berühmtesten Bürger Dinslakens?
Simon: Nein, an Michael Wendler sind wir noch nicht vorbeigezogen.
Gibt es eine Schnittmenge zwischen Wendler- und Kilians-Fans?
Simon: Die gibt es. Das weiß ich, weil uns manche Leute sagen, sie wären auch beim Wendler gewesen. Wir gucken uns bei dem Mann sicher nichts ab, aber auf der Bühne ist er eine Macht. Und außerdem hat er es geschafft, sich selbst total als Marke zu etablieren.
Aber auch die Kilians sind inzwischen eine Macht, oder?
Simon: Auf unsere Art und in unseren kleinen Indierockkreisen vermutlich schon. Wir haben wahnsinnig viel gespielt. Und ich glaube, viele Leute finden es gut, dass Jungs von irgendwo her kommen und mit ihrer Musik überzeugen können. Und nicht mit Drogen- oder Frauengeschichten oder eine ultracoolen „Wir kommen aus New York“-Haltung“. Uns begegnen die Leute alle auf Augenhöhe.
Keiner von euch heißt Kilian. Was soll also der Bandname?
Simon: Wir haben den „Hauptmann von Köpenick“ in der Schule gelesen, Kilian ist dort der Diener des Bürgermeisters, der anfangs die devote Haltung eines Bediensteten einnimmt, aber später seinen Vorgesetzten durch die Gegend schubst. Der hat so was Rebellisches, das mir gut gefiel.
Warum singst du auf englisch? Das ist heutzutage für eine deutsche Band ja fast schon ungewöhnlich.
Simon: Die einzige deutsche Band, die ich früher immer gehört habe, waren die Toten Hosen. Aber sonst haben wir alle immer nur englischsprachige Bands gehört. Von daher war das gar keine Überlegung.
Hattest du Englisch-LK?
Simon: Jawoll. 12 Punkte.
Welche Bands hast du denn gehört?
Simon: Die erste, bei der sich so ein Lebensgefühl eingestellt hat, waren Oasis. Diseses rotzige, arrogante, das hat mich angesprochen. Dann das ganze andere Indie-Gedöns, Hives, Strokes. Wir kennen eigentlich auch nur das, was immer im Radio läuft, wir sind nicht so die Experten, und ich habe auch nichts gegen gesunden Pop.
Was man auf eurem Debüt „Kill the Kilians“ wie auch auf „They are calling your Name“ ja auch deutlich hört.
Simon: Wir mögen einfach Melodien gern. Ich brauche keine Elektronik und keinen Schnickschnack, ich bin zufrieden, wenn ein gutes Riff läuft. Musik muss nicht zerstörerisch sein, ich mag sie lieber zugänglich. Ich finde es zum Beispiel großartig, dass sich meine Großeltern unsere Musik anhören und sagen „Schön“. Wir wollen nicht nur eine gewisse Zielgruppe erreichen, sondern kompatibel sein. Wir sind halt nicht so die Szeneband, auch nicht die Szenemenschen. Einfach gute Musik für Menschen, das ist es, was wir machen. Kann sich jeder anhören.
Du bist 21, hast vor zwei Jahren Abi gemacht und wohnst seit vergangenem Herbst in Köln. Sind die Kilians jetzt dein Beruf?
Simon: Ja, das kann man so sagen. Wir sind alle mit der Schule fertig und wollen uns bis auf weiteres auf die Musik konzentrieren. Man wird nicht reich davon, aber es macht einfach ungeheuren Spaß. Außerdem sind wir, abgesehen von unserem Bassisten Gordian, der schon 27 ist, alle so zwischen 20 und 22. In diesem Alter ist noch alles möglich, alles offen. Studieren kann auch später noch. Aber wenn ich das mache, dann will ich es auch durchziehen. Ich will nicht bloß eingeschrieben sein.
Fühlst du dich erwachsener als die meisten anderen 21-Jährigen?
Simon: Mein Auszug hat viel gebracht. Die Leute, die noch zu Hause wohnen, die sind unselbständiger und weniger reif. Weil sie sich mit Dingen wie Rechnungen oder selber kochen nicht beschäftigen müssen.
Kriegst du eine warme Mahlzeit hin?
Simon: Ja. Essen, schlafen und Liebe machen sind meine drei Grundbedürfnisse.
Gab es schon Skandale rund um die Kilians?
Simon: Es geht schon mal hier und da was kaputt und es gibt auch mal interne, körperliche Auseinandersetzungen. Und auch: Jeder knutscht mal gerne. Aber das ist ja normal, und kein Skandal.
Hast du schon viele Idioten im Musikgeschäft kennengelernt?
Simon: Bushido, bei einem Festival in Berlin. Das war ein Erlebnis, davon erzähle ich immer wieder gern. Der ist ja so eine Gallionsfigur für viele Jugendliche, und natürlich ist das eine ganz andere Jugendkultur. Rockkonzerte und Bushido, das sind schon zwei Welten. Trotzdem.
Wie habt ihr euch verstanden?
Simon: Schlecht. Bushido hat sich aufgeregt, dass sein Parkplatz belegt war. Es war nicht unser Auto, aber er war tierisch sauer, saß hupend in seiner Karre und hat keinen guten Eindruck gemacht. Sehr unsouverän.
Ihr seid im selben Alter wie Tokio Hotel. Irgendwie komisch.
Simon: Hmmm, schon. Aber gefühlt sind wir doppelt so alt. Die lyrischen Ergüsse dieser jungen Herren, das istja echt ein Witz. Teilweise sprechen die ja sogar Themen an, die wichtig sind für die Leute, aber man kann 14-jährigen Menschen auch andere Sachen erzählen als dass sie nicht vom Dach springen sollen. Dieses affektierte Gehabe von denen, dieses zwanghaft Melancholische, das wirkt wahnsinnig aufgesetzt und lächerlich.
Seid ihr auch Gallionsfiguren für die Jugend?
Simon: Es kommt auch vor, dass jemand ankommt und fragt „Ey, haste nen Tattoo?“ und wenn ich dann antworte „Nö, hab ich nicht“, dann ist der gleich wieder weg. Ich finde sehr toll, dass bei unseren Fans aber größtenteils eine gewisse Grundsubstanz in Sachen Intellekt vorhanden ist. Wir selbst sind wie wir sind. Zwar Asis aus dem Ruhrpott, aber auch interessiert an der Welt und an den Menschen.
Deine Generation ist trinktechnisch ein wenig in Verruf geraten.Was hältst du vom Flatratesaufen?
Simon: Ich finde das problematisch, wenn die Leute mit 14 oder so anfangen, sich ins Delirium zu saufen. Aber wer volljährig ist, der soll doch machen, was er will. Allerdings: Auch bei uns ging es sehr früh und sehr heftig los.
Eure eigene Plattenfirma bescheinigt euch ein „kleines Alkoholproblem“. Zurecht?
Simon: Man lernt dazu. Ich habe mich jetzt entschlossen, vorerst das Bier abzusetzen. Lieber mal einen Wein oder gleich Tequila. Bier schwemmt den Körper sehr auf, ich habe keine Lust, mit 25 fett zu sein.
Steffen Rüth
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