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Konzert
  • Name:
  • nachtlüx (Berlin)

  • Ort:
  • Blue Note
  • Datum:
  • 05.06.2009

  • Uhrzeit:
  • 21:00 Uhr

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nachtlüx (Berlin)

pop
nachtlüx (Berlin)
www.nachtluex.de
Lea W. Frey: vocals
Venezian: rhodes, keys, programming
Peter Meyer: guitar
Bernhard Meyer: bass
Raphael Becker-Foss: drums & toys
Klangkünstler und Produzent Venezian webt diese Sehnsuchtsgesänge kunstvoll ein in einen
komplexen, vielfarbigen
Klangteppich: Freys vielstimmige Chöre, opernhaft gebrochen, bisweilen dissonant; präparierte
Klaviere, singende Bässe,
stampfendes Schlagwerk; Streichquartett, Weltraum-Sonar - dazu lässt er Messer tanzen, Uhren
ticken, Züge rattern. Und
immer wieder erklingt, versöhnlich, aber voller Wehmut, das Fender Rhodes.
Der Produzent und die Sängerin lernten sich 2003 kennen, beide auf der Suche nach dem
Herzensprojekt. Seitdem sind Energie wiederaufgenommener
Arbeit die Songs für das Debut entstanden: Kleinode, denen man jede Minute ihrer langsamen,
behutsamen Entwicklung
anmerkt.
“nacht-lüx - nacht-licht: Mit dem Namen haben wir versucht, die uns und unserer Musik
innewohnenden Zwiespälte
auszudrücken,” erläutert Venezian, “wir sind als kreatives Duo ja ein ganz klassisches
Gegensatzpaar, Frau-Mann,
Mensch-Maschine. Und da wir uns als gleichberechtigt empfinden, gibt es häufig Reibungen und
Differenzen - die kann
man als Spannung in unserer Musik spüren.”
Diese Spannung empfindet man bei einem nachtlüx-Konzert beinahe körperlich: Wenn Lea W. Frey
ihre warme Stimme
stetig an- und abschwellen lässt - vom gebrochenen Flüstern zum verzweifelten Schreien und zurück
- und Raphael
Becker-Foss (dr), Marco De Vries (git), Peter Meyer (git), Bernhard Meyer (b) und Venezian (rhodes,
laptop) in höchster
Konzentration den Instrumenten ungeahnte Klangfarben entringen, dann hat man bisweilen das
Gefühl, einer spirituellen
Veranstaltung beizuwohnen: der Anrufung eines gemeinsamen Geistes, eines lange verlorenen
Glücks, einer unerreichbarverklärten
Welt. Eine romantische Haltung, zweifellos, aber gerade daher hochaktuell: “oh, das tut so gut / aber
wieso / geht
es nicht ganz anders / als ganz anderswo?” fragt Lea W. Frey - und bringt damit die systematischen
Irrwege, die innere Heimatlosigkeit
ihrer zerrissenen, zerstreuten, ziellosen Generation nebenbei auf den Punkt.
Doch nachtlüx richten sich nicht ein in der Misere, der Blick ist janusköpfig auch immer in die Zukunft
gerichtet. Der Weg
mag beschwerlich sein, das Ziel unerreichbar, die Reise wird dennoch angetreten. Hoffen ist
menschlich und alle Wege
führen, alle Vögel ziehen, ja ohnehin nach norden.
“Ich sehe mich als Teil eines Klangkörpers, als ein Instrument innerhalb eines orchestralen Gefüges,”
beschreibt Lea W. Frey
ihre Rolle als Sängerin von nachtlüx. Obwohl sie innerhalb der Band natürlich zumindest ein
Soloinstrument darstellt, erzählt
diese Einschätzung viel über ihr Verständnis von Musik und Musikerpersönlichkeiten. Die Musik - der
Ausdruck, der Klang -
steht als Idealbild über allem. Ihr hat sich der ausübende Künstler unterzuordnen. Und nicht nur der;
auch Freys lautmalerische
Liedtexte entstehen in erster Linie nach klanglichen Gesichtspunkten: “Einige unserer Stücke sind
rein assoziativ entstanden,
ich habe mich einfach vor’s Mikro gestellt und gesungen. Ich mag diese Direktheit, den rohen
unverfälschten
Ausdruck. Was auch immer dann dabei herauskommt, es ist jedenfalls ehrlich. So schnell hat man
gar keine Zeit, sich
Gedanken zu machen oder Dinge künstlich zurechtzubiegen. Die Stimme ist in dem Augenblick
einfach mein direkter Zugang
zu mir selbst. Ich bringe das nach aussen, was mich gerade bewegt, ohne Kompromisse. Die meiste
Zeit hierbei kostet
manchmal das fallen lassen jeglicher Barrieren und verknoteter Hirnwindungen, die sich im Laufe des
Lebens angesammelt
haben. Aber das lohnt sich. Kann ich nur empfehlen”. Sie lächelt. Diese Art der Selbstentblößung erfordert Mut, vor allem vor Publikum - den hat die in Berlin geborene
Löwin mit in die
Wiege gelegt bekommen. Als Kind zweier freier Künstler wurde sie zum Nonkonformismus
gewissermassen erzogen. Als
ihre Mitschüler “Take That” anhimmelten, lauschte Lea W. Frey lieber den ungezogenen Liedern von
Rio Reiser - und begann,
Unterricht in klassischem Gesang zu nehmen.
Ihre Texte lässt Lea gern offen im Raum stehen - oder besser schweben. Jeder darf hineingreifen in
ihre Wortgebilde. Das
mitnehmen und interpretieren, was anrührt, Kraft gibt oder irritiert: “Es war auch nie eine Frage für
mich, ob ich auf deutsch
singen sollte. Das ist ja meine Muttersprache! Ich habe schon vor zehn Jahren, als ich damit anfing -
und das war damals ja
gerade durchaus unüblich - meine Lieder auf deutsch geschrieben. Die Sprache hat doch so einen
wunderschönen Klang,
so viele farbige Wörter - man braucht nur mal Trakl lesen.” Seit 2005 studiert Lea W. Frey in Weimar
Jazzgesang. Es sei
manchmal schwierig, sich selbst treu zu bleiben, wenn man sich länger intensiv mit Musiklehre und
Jazzstandards
beschäftigt, resümiert sie, aber ihre Linie ist unanfechtbar und wird mit umso größerer
Entschlossenheit verfolgt: Mehr Herz,
weniger Kopf. Mit dem geht’s allenfalls mal durch die Wand.
Einer ihrer neuen Helden ist der Schweizer Obertonsänger Christian Zehnder. Von ihm lernte sie, daß
sich Inhalte, Seelenzustände,
ganze Geschichten, völlig ohne Worte erzählen lassen. Vielleicht ist dies ja der nächste Schritt auf
Lea W.
Freys Weg zu einer unmittelbaren Form menschlichen Ausdrucks. Einem Weg, der sie
gleichermaßen auch zurück führt: zu
den Gesängen der Vorzeit und dem unverdorbenen Schrei des Neugeborenen.
Als Hirn von nachtlüx ist Venezian gewissermassen Lea W. Freys Gegenpart. Berufungsweise
Produzent und Audiokünstler
ist er für die ausufernden Klanglandschaften und ausgefeilten Rhythmen verantwortlich, die Lea W.
Freys Stimme begleiten,
umspielen - oder ihr erbittert entgegenstehen in der ewiggleichen immerneuen Auseinandersetzung
der Prinzipien, der Elemente,
der Gegensätze.
“Durch Nacht zum Licht” - diese kämpferische von Senecas “per aspera ad astram” abgeleitete
Volksweisheit, wurde für ihn
nicht von ungefähr schon früh zur musikalischen Handlungsanweisung und zur Grundkonstante in
seinem Schaffen - wuchs
er doch zu den Klängen der Obertitanen Beethoven, Brahms und Mahler auf. Als Kleinstkind: der
liebste Ort unter dem
Flügel, vor der Stereoanlage, reglose Stunden der stillen Ekstase zu endlosen Arpeggiopassagen, zu
grollenden Kontrabässen,
donnernden Kadenzen und Engelschören. Dann Grundschule und, wie bei vielen euphorisiert durch
die frühen
Beatles, die Hinwendung zur Populären Musik. Auch hier wieder unwiderstehlicher Drang zum
kathartisch-monumentalen,
mit der Existenz ringenden: die “Saurier” des Rock - Pink Floyd, Led Zeppelin, ELP - sind die zweite Quelle, aus der sich
seine musikalische Weltanschauung speist. Ewiggestrig könnte man sagen, romantizistisch, lange
vorbei.
“Aber wer ist denn heute noch an den fundamentalen Fragen interessiert?”, hält Venezian dagegen.
“Was mir fehlt in unserer
postmodernen Musiklandschaft - schmerzhaft manchmal -, das ist die Versenkung, die
Ernsthaftigkeit, das sublime.
Wer ist denn heute noch zu echter, unprätentiöser Melancholie fähig? Das ist doch gar nicht
spaßgesellschaftskonform;
dabei haben wir allen Grund zur Schwermut. Wenn ich Musik mache, ist das Gottesdienst - nicht
notwendigerweise im religiösen
Sinne. Musik muss eine Verbindung herstellen zwischen mir und dem Kosmos, einem höheren Sein,
das nur indirekt
erfasst werden kann, vielleicht auch einfach einem Urtrieb, wer weiß. Dass das sehr esoterisch klingt,
ist mir klar - schade,
dass der Begriff so unangenehme Konnotationen hat.”
Trotzdem der - ebenfalls als Löwe - in Berlin geborene Venezian sehr früh Klavierunterricht erhält, im
Chor singt, sich durch
Klassik und Romantik wühlt, eigene Songs schreibt und in diversen Schülerbands Schlagzeug und
Gitarre spielt, vergeht
lange Zeit, bis das ultimative Ausdrucksmittel gefunden ist: Erst im Alter von 22 Jahren entdeckt er
während einer Ausbildung
zum Toningenieur die Möglichkeiten des Komponierens am Computer: “Ich hörte damals zum ersten
Mal wirklich
Radio - also zeitgenössische Popmusik. Und obwohl ich die zum größten Teil belanglos fand, fragte
ich mich immer: Wie
zur Hölle machen die diesen Sound? Es war ja um die Jahrtausendwende und alle Produktionen
wimmelten von digitalen
Gimmicks. Das hat mich maßlos interessiert.”
Nun brechen alle Dämme: Mit Hilfe des Rechners wird der Traum, symphonische Denkweise mit
modernstem Sound zu
verschmelzen, Wirklichkeit. In der Tradition Brian Enos wird das Studio selbst zum Musikinstrument,
zur Klangzentrale, in
welcher die Beiträge verschiedenster Musiker aufgenommen, zerteilt, verarbeitet und rekombiniert
werden. So entstehen
Filmmusiken, Klanggemälde - und natürlich die Musik von nachtlüx: “Man darf jetzt nicht denken: der und schraubt und die Lea kommt dann und singt was. Unsere Musik entsteht gemeinsam, das ist das
besondere. Obwohl
wir im Ursprung ein Studioprojekt sind, ist nachtlüx immer musikalischer Dialog. Mal legt sie was vor
und ich arbeite
dann um ihre Stimme herum, mal ist es andersrum. Die Ideen springen hin- und her. Über manche
Stücke haben wir uns
schon monatelang die Köpfe eingeschlagen. Am Ende kommt dann immer etwas sehr, sehr eigenes
heraus.”
2007 nimmt Venezian in London das Studium der ‘Popular Music’ auf. Auf den Spuren der Beatles
und Damon Albarns
beobachtet er die englische Art, mit Musik im Alltag umzugehen: “Die haben eine
Selbstverständlichkeit in ihrer Popmusikrezeption,
davon sind wir hier noch meilenweit entfernt. Das liegt an der Unmittelbarkeit der Sprache und an der
Direktheit
oder - im positiven Sinne - Schamlosigkeit der englischen Musiker. Die Musik geht da tatsächlich
jeden an, es gibt wenig
ironische Distanzierung. Das haben bei uns seit dem Krieg ja nur wenige Gruppen geschafft. Ich
finde, es ist Zeit, dass sich
das ändert.”
Links:
http://www.nachtluex.de
http://www.myspace.com/nachtluex

Kategorie: Konzert
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